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Artikel aus dem Kölner Stadt Anzeiger (ungekürzte Version)

„Einfach ein Schild an die Tür geht nicht mehr“

Welche Zukunftsperspektiven haben Jurastudenten heute noch?

Von Philipp Sümmermann

Durch eine Bewertungsplattform im Internet fühlte sich Lehrer Friedrich Fiesling ungerecht behandelt, nun klagt der Pädagoge. Der Prozess gegen den Anbieter der Seite, die Schulspaß GmbH, findet im großen Saal des Kölner Oberlandesgerichts statt. Die Richterbank ist prominent besetzt, den Vorsitz führt der Präsident des Kölner Oberlandesgerichts, Riedel, persönlich. Das Interesse an dem Prozess ist gewaltig. Doch der Grund dafür, dass nicht alle der Zuschauer einen Sitzplatz finden, liegt nicht am Fall. Der ist nämlich ausgedacht.

Der Prozess ist ein sogenannter Moot Court, eine Gerichtssimulation für Jurastudenten. Denn die „Anwälte“ haben ihr Examen noch vor sich. „Freies Reden ist gerade bei unserem Studium eine wichtige Sache“, erklärt Peter Urlaub. Als Student im neunten Semester steht er kurz vor dem Examen, den Moot Court sieht er daher auch als Übung für die mündliche Prüfung. Zusammen mit seiner Partnerin, Clara Wirths (3. Semester), vertritt er im Prozess die Klägerseite – und muss daher mit seinem Plädoyer beginnen.

„Im Studium fehlen oft die Praxisnähe und die Softskills“, bemängelt Prof. Klaus Peter Berger. „Da haben uns die Engländer und Amerikaner etwas voraus. Dort gibt es bereits seit mehr als 100 Jahren Moot Courts.“ Von dort sind sie nach Deutschland gekommen, seit einigen Jahren gibt es die Angebote auch an der Kölner Universität. Fast ein Dutzend Gerichtssimulationen in verschiedenen Rechtsgebieten bietet die Universität mittlerweile an. Neben den Moot Courts bietet die Universität zudem eine ganze Reihe weiterer Angebote, um die Studenten besser auf das spätere Berufsleben vorzubereiten.

Galt früher noch der Spruch „Mit Jura kann man alles machen“, so ist das Studium heute vor allem eines: Eine Vorbereitung auf eine juristische Tätigkeit. „80 bis 90 Prozent der Absolventen werden Anwälte“, so Martin Huff von der Rechtsanwaltskammer Köln. Die Zahl der zugelassenen Anwälte steigt seit Jahren kontinuierlich, der Konkurrenzdruck wird daher immer größer. Huff: „Einfach ein Schild an die Tür schrauben und auf Mandanten warten geht nicht mehr.“ Der beste Berufsanfang sei der Einstieg in eine bestehende Kanzlei. Schon während des Studiums kann man dort seine Interessen an den verschiedenen Tätigkeitsbereichen im Rahmen eines Praktikums ausprobieren. Das Referendariat nach dem ersten Examen ist dann der klassische Weg, um in einer Kanzlei Fuß zu fassen.

Wunschtraum vieler Studenten ist eine Stelle in einer Großkanzlei. Neben einer internationalen Tätigkeit locken vor allem die Einstiegsgehälter ab 90.000 Euro. „Wir sind daran interessiert, die Bewerber so früh wie möglich kennen zu lernen“, sagt Kirsten Floss von der Großkanzlei Freshfields Bruckhaus Derringer. „Das Referendariat ist dazu die beste Möglichkeit. Von dort rekrutieren wir auch die meisten Mitarbeiter.“ Um später als Anwalt übernommen zu werden, sind zwei vollbefriedigende Staatsexamen und sehr gute Englischkenntnisse Grundvoraussetzung. Alles Weitere gibt dann den Ausschlag über die begehrte Zusage. „Was uns interessiert, ist jemand mit einer interessanten Vita, der sich für etwas begeistern kann“, erklärt Floss. „Wir suchen niemanden, der nur büffelt und deshalb gute Noten schreibt.“ Auch in Zeiten der Krise wird bei den Top-Kanzleien weiter eingestellt, Stellen für die besten Absolventen gibt es immer.

Gleiches gilt für eine Stelle als Richter, in den vergangenen beiden Jahren wurden im Raum Köln jeweils 50 neue Stellen besetzt. „Früher wurde nur nach Examensnote eingestellt“, erklärt dazu der Kölner OLG-Richter Hubertus Nolte. „Heute haben wir eine Auswahlkommission, die sich die Bewerber auch im Hinblick auf Punkte wie Sozialkompetenz anschaut.“ Dennoch sind für die Tätigkeit im Staatsdienst überdurchschnittliche Noten weiterhin unabdingbar. „Man muss schon ein vollbefriedigendes zweites Staatsexamen vorweisen“, so Nolte. Im Gegenzug lockt eine feste Stelle bei sicherem Gehalt.

Die Notenskala im Jurastudium ist hart. Ein Prädikatsexamen, also mindestens ein „vollbefriedigend“ oder besser, schafft nur der kleinste Teil der Studenten. 2007 starteten weniger als 17 % der Referendare mit einer solchen Note im zweiten Staatsexamen ins Berufsleben. Ein „sehr gut“ gelang in Deutschland nur vier Studenten. Auf der anderen Seite fielen ein Drittel durch die erste, weitere 18% durch die zweite Prüfung durch. „Jura kann kein Auffangstudium sein“, kritisiert daher Martin Huff von der Rechtsanwaltskammer. Viele würden sich vorab nicht informieren und auch die Möglichkeiten der Einführungsveranstaltungen nicht nutzen. „Der gute Jurist muss in der Lage sein, in Strukturen zu denken und sich schnell in neue Strukturen reinzudenken. Man muss auch schauen: Welches Gebiet macht mir Spaß, wo liegen meine Neigungen?“ Für Praktiker seien Studiengänge wie der zum Wirtschaftsjuristen eventuell eher geeignet als das klassische Studium, welches zum „Volljuristen“ ausbildet.

Die Plädoyers beim Moot Court haben zumindest schon Anwaltsniveau. „Sie alle haben derart frei vorgetragen, wie es in den Sitzungssälen des OLG nicht immer anzutreffen ist“, lobt OLG-Präsident Riedel bei der Urteilsverkündung die Teilnehmer. Doch trotz leicht besserer Rhetorik reicht es am Ende für Clara Wirths und Peter Urlaub nicht zum Sieg: „In den rechtlichen Ausführungen haben wir einen Vorteil der Beklagtenseite gesehen.“ Für Clara ist der zweite Platz ein Ansporn. Denn um ihrem Traum von einer Stelle in einer internationalen Kanzlei näher zu kommen, nimmt sie zur Zeit noch an zwei weiteren Moot Courts teil.