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Erfahrungsbericht zum 4. Moot Court

Es ist das Moot Court-Finale. Ich kann es immer noch nicht so richtig glauben, aber jetzt sitze ich tatsächlich in der Stadtbahn, futtere noch einen Schokoriegel, bemüht, keinen Krümel auf das Kostüm fallen zu lassen. Ein Schokofleck wäre jetzt das Letzte, was ich gebrauchen kann. Die Nervosität ist da und steigt langsam.

Zum Glück sind wir schon eine Stunde früher im OLG Köln, um noch an der Führung durch das Gebäude teilzunehmen, die Herr Nolte, Vorsitzender Richter und ehemaliger Pressesprecher am OLG, allen Interessierten anbietet. So haben wir die Gelegenheit, Gerichtssäle, Arbeitszimmer und - besonders interessant für Studierende - auch die Prüfungsräume für das Staatsexamen zu sehen.

Nebenbei durchlaufen wir viele lange Gänge des ehrwürdigen Gebäudes und ich kann sagen: Bewegung ist ein geeignetes Mittel sich zu beruhigen, auf andere Gedanken zu kommen.

Dann geht es los und plötzlich läuft eigentlich alles wie im Film ab.

Die fiktive Gerichtsverhandlung wird eröffnet, das Wettbewerbsrichter-Dreigestirn betritt den Saal und dazu stehen alle auf, das gehört sich so, wie in einer echten Verhandlung auch.

Das Team der Klägerseite beginnt sein Plädoyer mit voller Kraft und in dem Moment bleibt einem schlicht keine Zeit, noch über viel nachzudenken. Da wir auf der Beklagtenseite sind, machen wir schnelle Notizen um auf eventuelle neue Argumente noch eingehen zu können.

Dann tritt meine Teampartnerin Claire auf, ich weiß, was sie im Prinzip sagen wird, höre zu, kann aber nur für einen Augenblick Luft holen, dann bin ich schon dran.

Und ich stolpere natürlich nicht über meine eigenen Füße, vergesse meinen Text nicht und fange auch nicht an zu grinsen.

Das überlasse ich lieber unserem fiktiven Mandanten, einem Comedian.

Vorher hatte ich gedacht, dass es die besondere Schwierigkeit ist, vor so viel Publikum zu sprechen, aber da gilt: Bitte keine falsche Scheu!

Wenn man dann vorne steht, hat man eigentlich nur noch die drei Schiedsrichter im Blick sowie das eigene und das gegnerische Team. So ging es zumindest mir.

Was weiter geschah, ist bekannt - der Urteilsspruch der Schiedsrichter, Applaus, zwei kurze Ansprachen von Prof. Weigend, dem Dekan der Rechtswissenschaftlichen Fakultät und Herrn Huff, dem Geschäftsführer der Rechtsanwaltskammer Köln;

Geschenke für alle Beteiligten -

Bücher für die Anfänger (Studierende), Wein für die Profis (die Schiedsrichter und Unterstützer des Moot Court-Wettbewerbes)

und danach:

alle, die Teams, die Richter, und alle Zuschauer wurden mit einem kleinen Umtrunk und der Gelegenheit zum Gespräch belohnt.

Und wovon ich spreche:

Moot Court? Mut Court!

„Moot Court“ (sinngemäß: „simulierte Gerichtsverhandlung“) ist eine Mischung aus Gerichtsshow und ernsthaftem Jura-Wettbewerb.

Die Idee stammt ursprünglich aus den USA. Aber auch bei uns an der Uni Köln hat der Moot Court Fuß gefasst - unter anderem in Form des semesterweise stattfindenden „BGB Mini Moot Court“. Dieser fand im Wintersemester 2010/11 nun schon zum 4. Mal statt. Diesmal unter der sehr engagierten Leitung von Frau Dr. Sabine Kiesel, die gemeinsam mit ihrem Team die Teilnehmenden auf jeden Verhandlungsauftritt vorbereitet hat.

Das Grundprinzip ist einfach: Es werden 2er-Teams ausgelost, die in der Rolle von Kläger- oder Beklagtenseite gegeneinander antreten. Wir hatten eine Woche Zeit, einen juristischen Fall vorzubereiten. Dabei geht es nicht um den „klassischen“ Gutachtenstil, den man im Studium lernt. Nein. - Hier ist ein Plädoyer gefragt, mit dem man den Mandanten aus seiner Position bestmöglich vertritt.

Im Wettbewerb traten wir dann vor Schiedsrichtern auf, die entscheiden, welches Team eine Runde weiterkommt. Es sind dies „echte“ Kölner Richter, Rechtsanwälte und Professoren, die ehrenamtlich für den Moot Court die Rolle der Wettbewerbsrichter übernehmen.

Meine Teampartnerin Claire und ich sind eher durch einen glücklichen Zufall in der diesjährigen Runde gelandet. Ein Kommilitone hatte uns motiviert teilzunehmen.

Im Nachhinein wohl die beste Entscheidung um den grauen Kölner November aufzupeppen – und das nicht nur, weil wir gewonnen haben...

Hier die 8 TOP-Gründe am nächsten Moot Court (schon im kommenden Sommersemester!!!)

teilzunehmen

1. Zu Beginn bekommen alle Teilnehmenden ein tolles Stimmtraining zum Festigen der Sprache und eine Einführung in Rhetorik.

2. Vor jeder Verhandlung proben die Teams einzeln ihren Auftritt - mit Videoaufzeichnung und anschließender Analyse durch die Profis (Dr. Kiesel und Team).

Es ist nicht nur sehr lustig, sondern vor allem hilfreich zu beobachten, was man während eines 8-minütigen Vortrags so alles mit den Händen machen kann... (vom nervösen Herumzappeln zum professionellen Unterstützen des eigenen Vortrags mit passenden Gesten!)

3. Im Verlauf des Wettbewerbs übt man juristisches Argumentieren, Teamarbeit und Auftreten. Das ist die perfekte Übung für mündliche Prüfungen - nur mit Netz und doppeltem Boden.

4. Im Team muss man einen Weg finden, gemeinsam Fälle zu lösen - ist nicht immer einfach, aber meistens hat man bald dreimal so viele gute Ideen als allein.

5. Kreativität wird honoriert! Beim Moot Court geht es um die Argumentationstiefe und das Gespür für Interessenabwägungen (im Gegensatz zu Abschlussklausuren, wo oft die sog. „herrschende Meinung“ gewünscht ist).

6. Der Moot Court findet in insgesamt vier juristischen Locations in Köln statt – in unserem Fall waren dies das Landgericht Köln, die Großkanzlei Osborne Clarke, die Rechtsanwaltskammer Köln, sowie im Finale das OLG Köln.

7. Dabei können Teilnehmende und Gäste mit den Profi-Juristen ins Gespräch kommen und einen Blick über den (Mensa-)Tellerrand werfen: Welche Perspektiven könnte mir das Jura-Studium bieten? Wie ist der Alltag in Großkanzleien oder vor Gericht wirklich? Kommunikation mit Mandanten und Kollegen spielt später eine wichtige Rolle und so manch einer, der nicht so gerne dicke Bücher liest, entdeckt die vielfältigen Möglichkeiten für Juristen.

8. Und das Beste zum Schluss:

Es macht einfach riesengroßen Spaß!!!

 

Gesa Wiedemann