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Erfahrungsbericht zum 8. Moot Court

„Der 8. Moot Court im Bürgerlichen Recht“ - so lautete in großen Lettern die Überschrift des Werbebanners, das man über einen Overheadprojektor an die Leinwand des Hörsaals A1 in der Vorlesung „Vertragliche Schuldverhältnisse“ warf, wobei man uns Zweitsemestern – und denjenigen, die mit uns (un-) regelmäßig die Ehre hatten – mit einer tiefen Faszination in der Stimme die Teilnahme an dem Wettbewerb schmackhaft zu machen versuchte.

Ich stupste meine Kommilitonen neben mir in die Seite und fragte sie scherzhaft und mit einem breiten Grinsen im Gesicht: „Na, wäre das nicht etwas für euch?“, worauf sie nur verlegen lächelnd mit einem Kopfschütteln oder unsicher achselzuckend antworteten. Wir alle hatten Respekt vor dem Projekt und zogen bereits jetzt schon vor denjenigen den Hut, die den Mut beweisen würden, sich durch die vier verschiedenen Verhandlungsrunden mit einer Vorbereitungszeit von nicht immer einer Woche zu kämpfen und in einem Zeitraum von fast sieben Wochen ausdauernde Höchstleistungen zu zeigen – sicherlich nicht nur in rein juristischer Hinsicht. Da überzeugten uns auch eher weniger die Worte des Professors (sinngemäß): „Es lohnt sich, das Angebot wahrzunehmen. Sie werden einen erheblichen Vorteil haben, wenn Sie in der mündlichen Prüfung des Staatsexamen nicht zum ersten Mal vor uns Prüfern frei sprechen müssen.“ Noch lachte ich genauso ungläubig mit meinen Kommilitonen... 

Doch es kam wie es kommen musste. Ausgerechnet eine gute Kommilitonin von mir ließ quasi in einem Nebensatz anmerken, dass sie wirkliches Interesse dafür spüre und fragte mich, ob ich nicht mit ihr zusammen antreten wolle, denn im Moot Court im Zivilrecht besteht die Möglichkeit, sich nicht als Team auslosen zu lassen, sondern sich schon im Voraus als festes Team anzumelden, um gemeinsam Runde für Runde zu meistern. Ich ließ mich schließlich darauf ein und so saß ich mit gemischten Gefühlen in der Auftaktveranstaltung und schaute zu, wie, für mich unerwartet, viele andere Studenten aus dem zweiten aber auch wesentlich höheren Semestern ihren Namen in die Lostrommel warfen.

Ich muss zugeben, dass auch ich von Anfang an ein leises Interesse hatte, daran teilzunehmen, da ich mir von dem Moot Court persönliche Fortschritte erhoffte: Die Arbeit mit Kommentaren und Urteilen war mir bis dato nicht unbekannt, jedoch hatte ich stets auf „komprimierte“ Lektüre zurückgegriffen, um den ohnehin enorm großen Aufwand einigermaßen zu reduzieren. Ich wollte endlich eine ganz andere Sicht auf das Fach Jura bekommen, zumal man unter Umständen während des Studiums nur minimal praxisbezogen arbeiten können würde. Der Moot Court würde die Gelegenheit bieten, ein wenig reale Anwaltsluft zu schnuppern und nebenbei würde man den bisher gelernten Vorlesungsstoff vertiefen und den zukünftigen vorwegnehmen. Alles zusammen also eine vielleicht weg- weisende (?) Bereicherung für den Preis von Disziplin und positivem Ehrgeiz. Hatten sich da nicht die richtigen Zwei gefunden?

Ich wurde in meiner Erwartungshaltung auf keinen Fall enttäuscht. Es war die einzig richtige Entscheidung, an dem Moot Court teilzunehmen.

Allein schon aus dem Grunde, dass die erste Verhandlung in luftiger Höhe in den bekannten Kranhäusern am Rheinufer der ebenso bekannten Kanzlei Freshfields Bruckhaus Deringer ausgetragen wurde, deren Räumlichkeiten ich wohl sonst nicht zu Gesicht bekommen hätte. Wir sprachen nach getaner Arbeit mit unseren Wettbewerbsrichtern, (also) erfahrenen Anwälten, Staatsanwälten und Richtern, in lockerer Atmosphäre als zählten wir schon zu den fertigen Juristen und Kollegen.

Die nächste angesehene Kanzlei, DLA Piper, ließ nicht lange auf sich warten und auch hier ergab sich kein anderes Bild: Je weiter wir im Wettbewerb vordrangen, desto selbstsicherer wurden wir sowohl beim Vortrag des Plädoyers und in der anschließend freien Diskussion als auch in den Gesprächen mit den Anwälten und Richtern danach bei einem gemütlichen Ausklang am reichhaltigen Buffet.

War die Nervosität in der ersten Runde noch unvorstellbar groß gewesen, so ließen wir es bereits in der zweiten Verhandlungsrunde entspannter angehen. Es gab einfach keinen Grund, vor Angst zu schlottern, weil die Richter uns weder mit gemeinen Fragen quälten, die wir nicht hätten beantworten können, noch ließen sie uns in irgendeiner anderen Weise tatsächlich auflaufen. Natürlich stellten sie Fragen, auch wurden wir manchmal in unserem Plädoyer unterbrochen, sodass wir uns rasch neu ordnen und unsere Spontanität und Flexibilität unter Beweis stellen mussten, aber ich kann mich nicht daran erinnern, dass wir uns mit den eigenen Antworten jemals blamierten. Im Gegenteil! Die Argumente der gegnerischen Partei, Kläger oder Beklagte, wollten wir einfach nicht unkommentiert im Raum stehen lassen,  da wir doch gerade die Interessen des eigenen Mandanten würdevoll zu vertreten und durchzusetzen wünschten. Viel zu schnell neigten sich die Verhandlungen dem Ende zu, wenngleich wir noch so viel zu sagen hatten. Ich trug stets eine Uhr bei mir. Ich habe nicht einmal auf sie geschaut. Ehe ich mich versah, war alles schon vorbei und nicht selten wurde in den Nebenräumen, in denen wir bis zur Urteilsverkündung der Richter warten mussten, engagiert weiter diskutiert als hätte der fiktive Sachverhalt höchste Priorität für die künftige Rechtsprechung.

Es war spannend und es machte unglaublich viel Spaß – bis zur letzten Minute im Finale, das wir zunächst nicht erwartet hätten erreichen zu können. Wir hatten uns stets vor jeder Verhandlung Ziele gesteckt – zu Anfang erst einmal auch im Achtelfinale wieder einen Mandanten vertreten zu dürfen – und auf den Sieg mit großem Fleiß hingearbeitet. Doch eines stand sofort fest, als wir von den Wettbewerbsrichtern als Ehrung den neuen Sachverhalt überreicht bekamen: Die nächste Verhandlung dürfen wir auf keinen Fall verlieren! Der Ehrgeiz spornte uns zur Höchstleistung an, die Motivation blieb bis zum Schluss. Es hat sich gelohnt.

Ich empfehle die Teilnahme an einem Moot Court ausdrücklich. Wer das Vorurteil „Jura ist trocken“ widerlegt wissen will, der lasse sich nur einmal darauf ein. Jura lebt, Jura bereichert! Der Blick auf den Sachverhalt und auf Problemstellungen wird ein völlig anderer sein als zuvor.

Lasst euch nicht von den Vorträgen, die ihr halten müsst, abschrecken. Ihr haltet sie zusammen! Ihr seid ein Team und als Team gewinnt oder verliert ihr, was bedeutet, dass ihr weder vollkommen auf euch allein gestellt seid, noch dass ihr für euch alleine arbeiten dürft und so zwei Einzelleistungen präsentiert. Wer sich mit seinem Partner/seiner Partnerin gut versteht und mit ihm/ihr geschickt Absprachen trifft, der minimiert den hohen Arbeitsaufwand, den ich sicherlich nicht verschweigen möchte, erheblich.

Solltet ihr euch erst im zweiten Semester befinden und die Befürchtungen haben, dass ihr zu wenig juristisches Wissen haben könntet, um die verschiedenen Fälle lösen zu können, so   lasst euch nicht aus diesem Grund von der Teilnahme am Moot Court abhalten, sondern denkt an uns zurück: Wir, meine Teamkollegin und ich, waren Zweitsemester mit dem gleichen Kenntnisstand wie ihr (vielleicht) derzeit. Wir standen letztlich im Finale. Wenn wir es geschafft haben, dann schafft ihr es auch!

Lukas Hentzschel